Gedanken zur Familiengeschichte zur Kriegs- und Nachkriegszeit

Liebe Lesende,

Nachdem ich kurz bei einer Fernsehsendung über den 2. Weltkrieg rein geschaut hatte, tat sich mal wieder ein Thema bei mir auf, das mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt: Wie getreu waren meine Großeltern zur Nazi-Zeit? Über das Thema wurde nie wirklich gesprochen und ich muss sagen, dass ich bei meiner Großmutter auch nie richtig nachgefragt hatte. Sie machte deutlich, dass sie gegen den Krieg war, sie erzählte beschämt immer wieder darüber wie sie sich fühlte, wenn sie auf jüdische Gefangene traf. Ich wagte es aber nie genauer nachzufragen. Ihr Hauptthema so schien es mir, war sowieso die Zeit nach dem Krieg. Was ich auch irgendwie nachvollziehen kann. Man sieht doch sehr ungerne auch den Gesamtkontext wenn man selbst ein schwieriges Leben hatte. Und eine Aufarbeitung fand glaube ich bei Vielen nicht statt. Vor allem nicht, wenn die Kinder in den 60er Jahren nicht anfingen Fragen zu stellen.

Meine Oma lebte im Leitmeritz, das heute in Tschechien liegt, und war Sudetendeutsche, die nach dem Krieg flüchten musste. Sie war 24 Jahre alt, meine Mutter war ca. 3, ihr Mann war vermisst gemeldet und von einem Tag auf den Anderen musste sie ihre Heimat verlassen. Sie war Schneiderin, fand somit zum Glück immer wieder Arbeit und schaffte es so meine Mutter und sich durch zu bringen. Sie erzählte davon, dass sie fast die gesamte Flucht zu Fuß zurück legte, dass die Kinder aber immer wieder auf Lastwagen gehoben wurden und sie nie wusste, ob sie ihr Kind am vereinbarten Punkt wieder in die Arme schließen könnte. Das muss wirklich schrecklich gewesen sein. Über die Flucht hat sie immer wieder erzählt und auch über die Zeit als sie anfing sich wieder ein neues Leben aufzubauen als sie dann schliesslich in Österreich gelandet war und einen neuen Mann kennengelernt hatte. Meinen Stief-Opa, den ich noch kennenlernen konnte.

Über meinen leiblichen Großvater erzählte sie sehr wenig. Erst in den letzten Jahren vor ihrem Tod, war er doch immer mal wieder Gesprächsthema. So erfuhr ich, dass er wohl Schriftsetzer war und wohl auch viel in Berlin. Meiner Mutter erzählte sie mal als ich nicht anwesend war, dass er wohl ein rechter Frauenheld war und sie damals überglücklich, dass er sie erwählt hatte. Was er allerdings so alles trieb, als meine Oma nicht dabei war, das ließ sich aus den Erzählungen nur erahnen. Mir gegenüber klang es immer so als sei sie glücklich gewesen, wenn sie ihn mal bei sich haben konnte. Irgendwann erfuhr ich, dass meine Mutter wohl nach einer Schauspielerin benannt wurde, die meinem Opa in den 40er Jahren sehr gefiel. Eine kurze Internetrecherche zeigt mir, dass es sich wohl um eine Schauspielerin handelt, die in NS-Propagandafilmen mitspielte und nach dem Krieg wohl keinen Fuß mehr auf die Film-oder Theaterbühne bekam. Das machte mich schon etwas stutzig, ehrlich gesagt. Vielleicht war es aber auch einfach der Zeit geschuldet und dass sie wohl sehr attraktiv war. Ich erinnere mich jedoch auch an Erzählungen meiner Oma, dass mein Großvater sie immer in Verstecke zog, wenn er in Uniform war und sie hörten, dass eine Gruppe Gefangener aus Theresienstadt auf sie zu kamen. Sie erzählte, dass man das sehr häufig auf Grund der Holzschuhe schon sehr früh hören konnte. Angeblich sei es ihm unangenehm gewesen auf die Gefangenen zu treffen, da sie sie sonst wohl hätten vor ihm verneigen müssen oder Ähnliches, genau weiss ich das leider nicht mehr. Da ich mich zu wenig damit auskenne, stellt sich mir dann aber schon die Frage, welchen Rang mein Opa denn in der Wehrmacht inne hatte.

Vor einigen Jahren habe ich „Die Wohnung“ im Kino geschaut. Ein Film über die Familiengeschichte einer jüdischen Familie. Die Oma, die zur NS-Zeit nach Israel flüchtete, ist verstorben und die Familie bzw. der Enkel beschäftigt sich daraufhin beim Ausräumen der Wohnung mehr mit dem Leben der Großeltern vor der Zeit in Israel. Er findet heraus, dass seine Großeltern auch nach dem Krieg noch freundschaftlichen Kontakt zu einem Ehepaar hielten, dessen Mann wohl eine große Rolle in der Planung des Holocaust spielte. Er forschte dazu in der Familie und nahm auch Kontakt zu der befreundeten Familie in Deutschland auf. Ich fand den Film sehr spannend und es war interessant zu beobachten wie viele kleine Mosaikstücke, die er in der Wohnung fand sich  mit Hintergrund-Infos immer mehr zusammen fügten und ein Bild ergaben. Ich kann den Film sehr empfehlen.

Natürlich gehe ich nicht davon aus, dass hinter meiner Familie auch so eine spektakuläre Geschichte steht, aber dennoch würde ich nun doch gerne mehr darüber wissen. Meine Mutter kann ich dazu leider nicht befragen.

Es kommt bei mir immer wieder die Frage auf, ob meine Oma Dinge verheimlichte, ob sie vielleicht selbst nicht so genau wusste, was ihr Mann genau trieb? Welche Rolle spielte auch meine Oma in der NS-Zeit? Darüber würde ich echt gerne mehr erfahren. Vielleicht muss ich mal die Fotoalben durchstöbern, eventuell erhalte ich ja dann mehr Infos dazu.

Gibt es bei Euch auch solche Geschichten in der Familie? Stellt ihr Euch auch immer wieder Fragen dazu? Habt ihr mit Euren Eltern oder Großeltern darüber gesprochen? Das würde mich sehr interessieren.

 

Eure

@kischtrine

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